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DAS MENSCHLICHE MASS
Anmerkungen zum plastischen Werk
von Vincenzo Baviera
von Marianne
Jensen und Arno Hermer
Im Zürcher Umland, im Stahlort Dietikon, Baut Baviera
1989 eines seiner Stadtobservatorien. es ist ein begehbarer Käfig
in Form eines weit gespreizten Y, der hart an eine
Durchgangsstraße stößt. Eine häßliche,
laute Umgebung. Wer das Stadtobservatorium betritt, steht so nah an der
Straße, wie er das sonst nie riskieren kann, nur umschlossen von
solide verarbeitetem Stahl. Der Blick auf die Straße
verändert sich. Die Stäbe im Blickfeld lassen das gewohnte
Bild fremd werden. So stark distanziert sonst nur ein Bildschirm. Hinzu
kommt hier ein kindlicher Spass am Hineinlaufen in den Stahltunnel: Ich
spiele da, wo es sonst eigentlich viel zu gefährlich zum Spielen
ist, an einer Kreuzung. Ich bin geschützt und ausgeliefert
zugleich.
Sieht man sich das Objekt von der anderen Straßenseite an, dann
wird offenkundig, wie genau, ja schon fast hinterhältig Baviera es
in den Ort eingefügt hat. Das Terrassengeländer des
Cafés an der Straße schließt sich optisch ohne Bruch
an die Oberkante des Observatoriums an. Das ist dennoch ein eher
zufälliger Effekt, der den Humor seiner Arbeiten aufblitzen
lässt. Im Innern des Käfigs bewegen sich Passanten. Sind sie
nur neugierig genug, können sie das Ganze mit allen Sinnen
erfassen. Die Stahlwände verändern den Klang der
vorbeifahrenden Autos, sie haben zudem ihren eigenen Ton. Die
Trittgeräusche auf den Bodenblechen mischen sich mit den Stimmen
der Vorübergehenden, das Stahldach verändert das
Geräusch des Regens. Jeder Bereich des stählernen Ganges hat
seine spezifische Tastqualität; es lassen sich unterschiedliche
Geräusche ausmachen. Schwitzwasser und Regen haben Rostfelder von
Orange bis Schwarz auf den Stahl gezeichnet.
Alle Arbeiten, die Vincenzo Baviera baut - und hier stimmt der
Handwerkerbegriff wie selten bei einem Bildhauer - laden zu aktiver
Bewegung ein. Man kann hineingehen, sie in Bewegung versetzen, zum
Klingen bringen, ihr Zeitmaß erleben. Immer erfährt der
Betrachter etwas über seine Existenz im öffentlichen Raum,
über die bis dahin unbefragten Perspektiven des Alltäglichen
und der Architektur.
So macht ein anderes Stadtobservatorium, 1985 in Zürich gebaut,
den Moment erlebbar, in dem Innen und Außen einander
ablösen, den Übergang vom Gesicherten ins Unsichere: Zum
Fenster des Ausstellungsraumes steigt eine Stahltreppe mit hohen
Stahlwänden an, durchquert den Fensterrahmen, in dem man die
Flügel öffnen muss, um hinaus zu gelangen. An der
Außenseite des Gebäudes mündet die Treppe, wieder
absteigend, in einer Metallkanzel, die etwa zwei Meter von der Wand des
Hauses freischwebend absteht. Sie hat genau den Platz, der einen
Menschen umschließt. Das Erlebnis ist nachhaltig verändernd.
Die äussere Einteilung beim plastischen Werk Vincenzo Bavieras
kann sich an Dimensionen orientieren: Da sind die Stadtobservatorien
begehbare Bauten im öffentlichen Raum. Eine andere Werkgruppe
machen die " Räderwerke" aus, bei denen große Räder mit
Durchmessern bis zu vier Metern, gebaut aus Metall oder Holz, durch
Seile oder Ketten miteinander verbunden sind. Sie bewegen sich nur
gemeinsam. Andere Arbeiten überschreiten diese
Größenordnung noch deutlich. Ein" Rad" aus dem Jahre 1983,
begehbar und in Bewegung zu versetzen, erreicht 13 Meter im Durchmesser
und 7 Meter Höhe.
Menschengröße haben die "Stehdreher" : Eine Metallscheibe,
eine Tragachse, zwei Metallstäbe auf denen die einfache
Konstruktion an die Wand gelehnt steht. Sie wirken durch ihr genau
kalkuliertes Gleichgewicht von exakter Planung und Labilität
archaisch, kindlich und hochpräzise zugleich: Schubkarren,
Strichmännchen, Sonnenwagen, Vermessungsinstrumente. In diesen
Arbeiten ist eine erstaunliche Versöhnung gelungen. Hier
existieren Naivität und höchste Bewusstheit nebeneinander,
erwachsene Materialbeherrschung und störrische Fremdheit.
Dieselben Grundprinzipien scheinen in den kleinen Plastiken zu gelten.
Aus industriellen Halbfabrikaten wie Stangenprofilen, Winkeleisen und
Blechen konstruiert Baviera hochsensible Seismographen: Für eine
Ausstellung seiner" Architekturen" - Kleinplastiken - zog er in die
Galerie Lüpke einen federnden Tanzboden ein. So konnte das
Verhältnis zwischen den Masse- und den schwingenden Teilen der
Skulpturen jeden Schritt der Galeriebesucher abbilden. Ob sie "Kopf
eines Königs", "Architekturen" oder "Städte" heißen,
jedes der Objekte antwortet auf die Anwesenheit von Menschen, indem es
deren Schwingungen aufnimmt. Der genaue Beobachter kann sogar die
Resonanz seiner eigenen Stimme in dem metallenen Widerpart hören,
kann das Abbild seiner Schritte erkennen.
Eine der stärksten Werkgruppen der letzten Zeit, die
Kleinplastiken mit dem Namen "Kopf eines Königs" , formulieren
eines von Bavieras Grundthemen auf engstem Raum. Es hatte von jeher
auch seine großen Arbeiten bestimmt: Die Hoffnung, der Mensch sei
souverän genug, seine Machtgebärden spielerisch, für
sich selbst zu formulieren, ohne Dritte dazu missbrauchen zu
müssen. Die Konstruktionselemente der Arbeiten sind so aufeinander
bezogen, dass sie sich auch gegenständlich lesen lassen. Darauf
deuten einige Titel hin: " Müder Krieger" , "Wächter" .
Dennoch kommt Bavieras Arbeit ohne jede Metapher aus. Alles bleibt
durchschaubar, klar, nachvollziehbar. Nichts ist verschliffen,
verspachtelt, vertuscht, nichts zielt auf Einschüchterung, nichts
ist zynisch. Er beharrt auf der Bewegung, die seinen Arbeiten
innewohnt, möglichst alle Sinne will er an dem beteiligen, was er
"Besiedelung" nennt. Das ist eines der Schlüsselworte für
seine Bildhauer-Architektur. Besiedelung ist das Gegenteil von
Eroberung. Sie schafft neuen Raum.
Hinzu kommt der Ethos eines Hand-Werkes: " Bei meiner Arbeit
möchte ich ohne viel Fremdarbeit aus- kommen. Wenn ich
Aufträge auswärts vergebe, halte ich mich davon ab, eigene
praktische Erfahrungen zu machen und dabei zu lernen." Die Art, wie
Vincenzo Baviera die Grundmaterialien verwendet, verändert ihre
gewohnte Sinnesqualität. Eisen, sonst hart, kalt, schwer wird
warm, schwebend, organisch. So erinnert ein Großobjekt in
Recklinghausen an einen filigranen Flugapparat, ein Blattgerippe, das
der Wind jederzeit verwehen kann. Dabei ist es 12 Tonnen schwer, aus
Fahrleitungsmasten und dem 6-Meterrad eines Förderturms gebaut.
Gerade ihre Konkretheit verschafft seinen Plastiken und Installationen
die Fähigkeit, den Betrachter an die Grenze seiner Wahrnehmung zu
führen. Das "Wasserwerk" im Züricher Vorort Dübendorf
zeigt, inmitten eines Baches, eine Konstruktion, bei der
schrägstehende Metallstangen scheinbar bewegungslos über die
Wasserfläche ragen. Ein Getriebe. das vom Durchfluss des Wassers
gesteuert wird, bewegt sie im Verlauf von 15-20 Minuten hin und her. Es
entzieht sich der unmittelbaren Beobachtung. Wer davorsteht, kann sein
Zeitgefühl, seinen Sinn für Langsamkeit prüfen. Manchmal
bricht Streit zwischen den Betrachtern aus: "Es ist nicht in Betrieb!"
Dennoch begegnen sich die Stangen alle 20 Minuten einmal. Wie die
meisten seiner Arbeiten behauptet auch diese bewegliche Plastik die
Stellung gegen die Einengung von Wahrnehmung und Erfahrung:
" E poi si move! " Und sie bewegt sich doch. Der widerborstige
schweizer Italiener Vincenzo Baviera beharrt mit seinen Objekten deren
größte ohne Schwierigkeit Haushöhe erreichen auf dem
menschlichen Maß als der verpflichtenden Grundeinheit.
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